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DER KONGO ALS TOPOS DER WEISSEN MYTHOLOGIE
IM KOLONIALEN UND POSTKOLONIALEN DISKURS

Dass Afrika von Dunkelheit umgeben sei, wird noch bis heute ebenso als Binsenweisheit angenommen wie die Vorstellung, dass der Kongo das tiefste Innere dieses unberechenbaren und dunklen Kontinents sei. Zu sehr scheint dieses wahre innere Afrika (Jean Paul) mit dem Unbekannten und dem Verborgenen überein zu kommen, über das das Licht seine Macht noch zu erringen hätte. Dieses Zusammenspiel von Licht und Finsternis löst seinerseits Fragen aus. Soll das vermeintliche Ausbleiben des Lichts im Kongo nicht allein auf die Hautfarbe der Bewohner, sondern auch auf deren Ignoranz und unheimliche Magie hindeuten?
Warum verfallen wir in den alten Mythos, dass in diesem dunklen Bauch Afrikas alle Gräuel möglich seien? Warum gerät der Kongo so zu einem unheimlichen Enigma? Warum kommen in der ersten kolonialen Phase des Kongo zwischen 1876 und 1908 so verschiedene Bilder wie der weiße Fleck u. das Herz der Finsternis von diesem afrikanischen Amazonas auf, dessen Grundfarben die ganze Bandbreite westlicher Metaphysik, das Alles oder das Nichts, den Gegensatz von Kultur und Barbarei, aber ebenso das erschreckende Unvertraute wie das Bekannte enthalten? Das vorliegende Projekt geht von der europäischen Wahrnehmung des Kongo aus, die auch als koloniale Hinterlassenschaft unser Bewusstsein prägt. Doch die Frage nach diesem Dunkel impliziert auch eine andere. Wie weiß sind eigentlich jene, die den Kongo für so dunkel halten? Im Widerspruch zu Theorien, die sich in erster Linie der Konstruktion des Anderen annehmen, soll im Sinn der postmodernen Rassismusforschung (Miles, Stuart Hall) der Einsicht gedacht sein, dass das Schwarzsein des Afrikaners das Weißsein des Europäers spiegelt (Miles). Was es uns selbst erschwert, den blinden Fleck im eigenen Denken zu erkennen, ist jene Licht- u. Sonnenmetaphorik, die einer absoluten Metapher in der Ausdeutung Blumenbergs gleich kommt. Denn auch sie beantwortet jene vermutlich naiven, prinzipiell unbeantwortbaren Fragen, deren Relevanz einfach darin liegt, dass sie nicht eliminierbar sind, weil wir sie nicht stellen, sondern als im Daseinsgrund gestellt vorfinden (Blumenberg). Es geht dem vorliegenden Projekt darum, dieses unsichtbare Gerüst, das als Schicht von absoluten Metaphern die Logik des scheinbar nichtmetaphorischen Diskurses stützt, in einem Corpus von Erzähltexten und Reiseberichten einsichtig zu machen, die dem historischen Lauf des Kongo von der Berliner Konferenz (1884/85) bis zu Unabhängigkeit u. nachkolonialen Diktaturen folgen. Seine innovative Bedeutung erwächst aus der Fusion eines mythologisch-metaphysischen Konzepts (Derrida), der weißen Mythologie, mit der kolonialen u. postkolonialen Geschichte des Kongo. Dabei
geht es um die Frage, inwieweit das Bild vom finsteren Kongo seine Kontinuität in der Geschichte behält, inwieweit es sich aber in seinem Bestand auch wandelt und evtl. auch überwindet.

The assumption that Africa is surrounded by darkness is still accepted as a common place. In a similar way, the Congo is regarded as the deepest interior of this unpredictable and dark continent. This true inner Africa (Jean Paul) seems to be connected with the unknown and the unseen which is not yet controlled by the light. This interplay of light and darkness in its turn triggers questions: Does the supposed absence of light in the Congo refer not only to the skin colour of the natives, but also to their ignorance and sinister magic?
Why do we still succumb to the old myth that all atrocities are possible in this dark belly of Africa? Why is the Congo such an uncanny enigma in our eyes? Why do metaphors regarding this African Amazonas such as the white spot and the heart of darkness arise the first phase of the colonial period between 1876 and 1908? Why do these fundamental colours imply the whole range of Western metaphysics, the all-or-nothingness, the contrast of culture and barbarism, but also the alarming contrast of the unaccustomed and the familiar? The present project is based on the European perception of the Congo, whose colonial legacy also moulds our consciousness. But the problem of this supposed darkness implies another: How white, in actuality, are those who consider the Congo to be so dark? Unlike theories that focus on constructions of the Other, we look towards postmodern racism research (Miles, Stuart Hall), and the idea that the blackness of the African reflects the Whiteness of the European (Miles). It is even more difficult for us to recognize the blind spot in our own thinking, the imagery of light and sun which corresponds to the absolute metaphor in compliance with Blumenberg's interpretation. These metaphors, after all, respond to questions that are most likely naive and in principle incomprehensible; questions that have simply obtained relevance due to the fact that they cannot be eliminated. We do not pose them; they are posed by the existential ground itself (Blumenberg). The present project, therefore, endeavours to discover this invisible framework, a layer of absolute metaphors that supports the logic of the apparently non-metaphorical discourse in a corpus of travel reports and narratives following the course of Congolese history, beginning from the Berlin Conference (1884/85) and ending with the independence and post-colonial dictatorships. The innovative significance of this project arises from the merging of a mythological and metaphysical concept (Derrida), the white mythology, with the colonial and post-colonial history of the Congo. What is at issue is the question of how the image of the Dark Congo retains its continuity in history, and to what extent it transforms and eventually transcends its identity.

Die Konzeption des Projekts wurde im Laufe des Sommers 2014 überarbeitet. Weitere umfassendere Informationen über dieses Projekt werden sukzessive zur Verfügung gestellt, sofern mein Antrag bei der entsprechenden Forschungsinstitution bewilligt werden sollte. Drücken Sie mir bitte die Daumen!